Veröffentlicht am von Illa
Der Kampf um Klarheit über die Herkunft des Virus ist noch immer nicht vorbei, nachdem seit den ersten Scharmützeln schon über drei Jahre vergangen sind. Den Beginn – soweit bekannt – markiert die Telefonkonferenz, zu der Anthony Fauci (damals noch Leiter des „National Institute of Allergy and Infectious Diseases“ NIAID) aus den USA und der Brite Jeremy Farrar (damals Direktor des britischen Wellcome Trust unter einer Verwaltungsratsvorsitzenden, die zudem Vorsitzende des Imperial College London ist und MI5-Generaldirektorin war) Ende Januar 2020 geladen hatten.
Dieser Telefonkonferenz war am 23. Januar der Bericht „Experten für biologische Sicherheit warnten 2017, dass ein Virus aus der Einrichtung, die bei der Bekämpfung des Ausbruchs eine Schlüsselrolle spielt, ‚entkommen‘ könnte“ in der britischen Bouevardzeitung Daily Mail vorangegangen. Am 26. Januar folgten die USA mit „Analysten halten Verbindung zwischen Coronavirus und chinesischem Programm zur biologischen Kriegsführung für möglich“ in der Washington Times, worauf am 29. Januar in der Washington Post mit „Experten entkräften abwegeige Theorie, die Chinas Coronavirus mit Waffenforschung in Verbindung bringt“ geantwortet wurde.
Am 31. Januar erschien der Artikel „Suche in den Coronavirus-Genomen nach Hinweisen auf die Ursprünge des Ausbruchs“ von Jon Cohen im US-amerikanischen Wissenschaftsjorunal Science. Er wurde von Fauci per Mail an Farrar und den in den USA tätigen Molekularbiologen Kristian Andersen geschickt und enthielt schon einige Stichwörter, die in den nächsten Jahren für Diskussionen sorgten: Peter Daszak und EcoHealth Alliance, Shi Zheng-Li und das Wuhan Institute of Virology, RaTG13 und Mojiang in Yunnan. Am Samstag, dem 1. Februar gab es eine Teilnehmerliste für die Telefonkonferenz, die schließlich um vier Personen erweitert wurde, zu denen Andrew Rambaut aus Schottland und Stefan Pohlmann vom Deutschen Primatenzentrum gehörten.
Bei der Telefonkonferenz wurde über die Veröffentlichung eines gegen die Theorie eines Laborursprungs gerichteten Artikels diskutiert, dessen Entwurf an die Teilnehmer geschickt wurde. Drosten wollte sich hier offenbar heraushalten und hinterließ die bizarrste Mail dieser Beratungen. Zum einen war es die Frage, ob daran gearbeitet würde, „unsere eigene Verschwörungstheorie zu entlarven“. Zum anderen war seine Begründung, er sei „überlastet mit nCoV-Patienten-verbundener Arbeit“, angesichts der 14 „Fälle“ (Stand: 12.2.2020) des „Webasto-Clusters“ in Bayern, die an wenig mehr als einer positiven „Drosten-PCR“ litten, urkomisch.
Die direkte Folge der Telefonkonferenz war dieser Artikel von Mitte März mit vier Teilnehmern plus W.Ian Lipkin, in dem steht: „Wir glauben [!] nicht, dass irgendein laborbasiertes Szenario plausibel ist“:
Zur Veröffentlichungsgeschichte gehört ein Schreiben an den Science-Journalisten Cohen, in dem der anonyme Mailabsender behauptet, dass Andersen, Rambaut, Holmes und Garry die Telefonkonferenz organisiert und vorher die Gerüchte gestreut hätten, das Virus wäre ein Laborprodukt. Teilgenommen an der Besprechung hätten auch „zwei Weltklasse-Virologen, die tatsächlich über Coronaviren arbeiten“, womit es sich bei dem einen sicher um Drosten und bei dem anderen vermutlich um den Niederländer Fouchier handelt. Diese hätten die anderen Teilnehmer „zurechtgerückt“ und „belehrt“, da deren Argumentation „absolut unzureichend“ war, sie „keine Idee hatten, wovon sie redeten“ und „die Behauptung des menschengemachten [Virus] total falsch war“. In der Folge hätten die vier angeblichen Gerüchtestreuer und Konferenzorganisatoren den Artikel mit den Argumenten der „Coronavirologen“ verfasst, ohne ihnen „Anerkennung“ zu zollen. Der eine „Weltklasse-Virologe“ (Drosten) hatte Gäste und verließ die Sitzung daher vorzeitig. Das Paper sollte bei Nature veröffentlicht werden und wurde an „einige der besten Leute in der Welt“ zur Begutachtung (Peer Review) geschickt und darunter sei auch „ein sehr naher Kollege eines der Experten bei der Telefonkonferenz“ gewesen. Offenbar wurde dann hinter den Kulissen interveniert und das Paper wurde von Nature zurückgewiesen, um schließlich bei Nature Medicine, also eine Liga darunter zu erscheinen. Außerdem empfiehlt der anonyme Schreiber, Lipkin anzusprechen, der als einziger Autor nicht an der Telefonkonferenz teilgenommen hatte, denn: „Für den Fall, dass seine Mitautoren ihn über die wahren Geschehnisse im Dunkeln gelassen haben und er sich Sorgen um die Auswirkungen macht, möchte er vielleicht helfen.“ Der anonyme Mailverfasser stellt sich vor als jemand, der „die Geschichte von zwei Leuten, die am ersten Treffen der Telefonkonferenz mit Fauci teilgenommen haben“ gehört hat und findet den Vorgang „empörend, heuchlersich und schamlos“, was für jemanden, der angeblich nicht involviert ist, erstaunlich emotional ist.
Fauci und Farrar, die auch an diesem Schreiben beteiligt waren, wurde ebenfalls keine „Anerkennung“ gezollt, aber die beiden wollten ihren Namen auch ganz sicher nicht auf dem Artikel sehen.
Bereits Mitte Februar war zudem ein Appell im britischen Medizinjournal Lancet erschienen, in dem es hieß: „Wir stehen gemeinsam dazu, Verschwörungstheorien, die darauf hinweisen, dass COVID-19 keinen natürlichen Ursprung hat, aufs Schärfste zu verurteilen“. Der Artikel „The proximal origin of SARS-CoV‑2“ war bereits als Quelle angegeben, da Rambaut ihn auf seiner Plattform virological.org am 9. Februar vorveröffentlicht hatte. Von den 27 Unterzeichnern des Lancet-Appells war zusammengenommen etwa ein Fünftel vom Wellcome Trust, von der US-amerikanischen EcoHealth Alliance (die Gain-of-Function-Forschung betreibt) und von PREDICT (einem langjährigen Virensammelprojekt der „US Agency for International Development“ von nicht zuletzt militärischem Interesse), was nicht in allen Fällen kenntlich gemacht wurde. Und Drosten war auch dabei.
Orchestriert wurde das Schreiben ab Anfang Februar 2020 von Peter Daszak, dem Präsidenten der EcoHealth Alliance und Drosten war wie Farrar bereits auf der ersten Liste von 14 möglichen Unterstützern vertreten, die intern mit diesem Vermerk verschickt wurde: „Bitte beachten Sie, dass diese Erklärung kein Logo der EcoHealth Alliance tragen wird und nicht als von einer bestimmten Organisation oder Person stammend erkennbar sein wird, denn die Idee ist, dass dies eine Gemeinschaft zur Unterstützung unserer Kollegen ist.“
„The proximal origin of SARS-CoV‑2“ wurde zu einem der einflussreichsten Texte der Corona-Ära, wie die kanadische Molekularbiologin Alina Chan schrieb, denn er „wurde von Dr. Anthony Fauci der Presse mitgeteilt und später zitiert, um Vermutungen zu widerlegen, dass das Virus aus einem Labor stammen könnte. Sogar die versehentliche Freisetzung eines in einem Labor untersuchten natürlichen Virus galt als Verschwörungstheorie.“ Das ging herunter bis zur Pharmazeutischen Zeitung, die unter Hinweis auf diesen Artikel triumphierend titelte: „Verschwörungstheoretiker aufgepasst – SARS-CoV‑2 ist Produkt der natürlichen Evolution“.
Doch die Frage, ob das Virus nicht doch ein Laborprodukt war, wurde weiter gestellt von Wissenschaftlern wie Chan (Co-Autorin von „Viral“) und dem ehemaligen Vizepräsidenten der EcoHealth Alliance Andrew Huff (Autor von „The Truth about Wuhan“) oder der Forschergruppe DRASTIC („Decentralized Radical Autonomous Search Team Investigating COVID-19“), die ungemein wichtige Informationen in die Debatte brachten und mit ihrer Hartnäckigkeit ein Ende der Diskussion verhinderten. Versuche gab es in den letzten 3+ Jahren immer wieder.
Dazu gehörten die Kommissionen der WHO (mit Daszak als Mitglied) und des Lancet (mit Daszak als Vorsitzendem). Der einstweilen letzte öffentliche Versuch wurde im März 2023 unternommen, als das US-Magazin Atlantic titelte: „Der bisher stärkste Beweis dafür, dass ein Tier die Pandemie ausgelöst hat / Eine neue Analyse genetischer Proben aus China scheint den Ursprung der Pandemie mit Marderhunden in Verbindung zu bringen“ (nach „Betrachten Sie Gürteltier-COVID / Tiere könnten uns das Virus übertragen – schon wieder“ aus dem Dezember 2022). Nichts davon hielt lange und unter den Vertretern der natürlichen Übertragung ist in der letzten Zeit eine Absetzbewegung zu erkennen.
Drosten hatte sich schon im vergangenen Jahr von seiner im Februar 2020 im Lancet vertretenen Position, „Verschwörungstheorien, die darauf hinweisen, dass COVID-19 keinen natürlichen Ursprung hat, aufs Schärfste zu verurteilen“, halbherzig distanziert. Marion Koopmans, die Mitautorin der Veröffentlichungen zum „Drosten-Test“ und Teilnehmerin der Telefonkonferenz von Fauci und Farrar war, folgte im Juni: „Die Weltgesundheitsorganisation hätte die Theorie von Covid-Laborlecks niemals zugunsten der Herkunftsgeschichte von Tiefkühlkost aus Peking abtun dürfen, behauptete […] Professor Marion Koopmans, eine weltbekannte Virologin“ und „räumte ein, dass die Entscheidung der WHO ‚nicht klug‘ war.“ Sie selbst war an der WHO-Untersuchung beteiligt.
Fast gleichzeitig distanzierten sich zwei der Autoren von „The proximal origin of SARS-CoV‑2“, wie im Juni bekannt wurde:
„Nun hat Dr. Garry der BBC mitgeteilt, dass diese Aussage niemals dazu gedacht sei, alle Arten möglicher Laborlecks abzutun.
Im Gespräch mit Fever: The Hunt for Covid’s Origin, einer achtteiligen BBC Radio 4‑Serie, sagte er, dass sie die Vorstellung ablehnen wollten, dass das Virus absichtlich als Biowaffe hergestellt worden sei.
‚Zu diesem Zeitpunkt standen wir noch weitgehend unter dem Einfluss, als dieser bestimmte Satz geschrieben wurde, mit der Annahme, dass es sich möglicherweise um einen biotechnologisch hergestellten Virus oder vielleicht um eine Waffe handelte, die einfach versehentlich freigesetzt wurde‘, sagte er.
Auf Nachfrage von John Sudworth, dem ehemaligen Peking-Korrespondenten der BBC, inwiefern die Hauptschlussfolgerung des Papiers alle Arten von Lecks in Laboratorien abdeckt, z. B. in einer Forschungseinrichtung für Krankheiten, gab Professor Garry zu, dass die Formulierung falsch war.
‚Vielleicht sind wir dort etwas zu weit gegangen‘, sagte er.
Seine Kommentare markieren einen Wandel seiner Meinung.
Im März diesen Jahres sagte er, dass ‚kein Laborleck-Szenario‘ durch Daten gestützt werde.
‚Es ist an der Zeit, den Sarg mit all den Verschwörungstheorien über Laborlecks zuzunageln und diesem längst verstorbenen Leichnam ein ordentliches Begräbnis zu geben‘, sagte er damals.“
Garrys Auftritt bei „Fever“ war auch dem „Select Subcommittee on the Coronavirus Pandemic“, einem überparteilichen Untersuchungsgremium des US-Abgeordnetenhauses, nicht entgangen. Da Garry Anfang Juni dort ausgesagt und etwas ganz anderes behauptet hatte, wurde er mit der Aufforderung einer Klarstellung angeschrieben .
Doch damit nicht genug der Rückzieher einst standfester Verfechter des Nicht-Labor-Ursprungs, denn Garry
„ist nicht der erste Autor von ‚Proximal Origin‘, der die Schlussfolgerung seines einflussreichen Artikels kürzlich noch einmal überprüft.
Ein anderer, Professor Ian Lipkin, ein Epidemiologe an der Columbia University in New York, sagte ebenfalls, er habe jetzt seine Zweifel.
In einer anderen Folge von ‚Fever‘ sagte er, dass er zwar an der Annahme festhalte, dass Covid nicht absichtlich in einem Labor geschaffen wurde und dass ein natürlicher Ursprung das wahrscheinlichste Szenario, aber nicht das einzig plausible sei.“
Und Garry ist auch nicht der einzige Autor dieses historisch bedeutenden Artikels, den das Subcommittee befragt hatte. Auch der Erstautor Andersen hat Mitte Juni ausgesagt und sich geweigert, die vollständige Kommunikation über Slack, einen Instant-Messaging-Dienst zur Kommunikation innerhalb von Arbeitsgruppen (Groupware) offenzulegen; Slack war das Hauptkommunikationsmedium zur Erstellung des Artikels, nicht die bekannten Mails. Nun hat das Subcommittee seine erste Vorladung (subpoena) erlassen und Andersen muss als Inhaber des Slack-Kontos bis zum 30. Juni die Kommunkation, die darüber ab dem 1. Januar 2020 mit bestimmten Personen ausgetauscht wurde, offenlegen.
Nicht nur weil zu den namentlich genannten Personen auch Drosten gehört, ist diese Untersuchung in den USA auch hier von Interesse.
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